Wer erkennt es? - März 2019
Beim Stöbern im Internet habe ich dieses Lied gefunden. Im Radio habe ich es noch nicht so oft gehört, warum eigentlich nicht? Es dürfte somit recht schwer gewesen sein, es zu erkennen. Nichtsdestotrotz habe ich es ausgewählt, weil es mich mitten in mein Herz getroffen hat. Hier noch einmal der Text:
Dies ist kein Rebellenlied
Kein Rebellenlied
Aber ich blute
Er sagte: „Ich bin auf Händen und Knien gekrochen,
Ich schob mich durch Busch und Baum.“
Aber ein Gehörloser sieht, was er sehen will
Während er liest.
Sechs Uhr und alles ist gut heute Nacht
Ich sah einen Reiter - er war vom Kampf blutig.
Er las von Seiten
Als er versuchte uns alle zu warnen
Er gab auf
Und ließ die Schriften an der Wand.
Also versammelten wir uns um den Platz
Mit einer Menge leerer Blicke
Nun, wir konnten es nicht zugeben
dass wir Angst vor seiner Offenbarung hatten.
Wir kamen also aus der Kälte
Ignorieren, was uns gesagt wurde
Und ernten, was wir nicht gesät hätten.
Wie Verwüstung.
Sechs Uhr und alles ist gut heute Nacht
Ich sah einen Reiter - er war vom Kampf blutig.
Er las von Seiten
Da versuchte er uns alle zu warnen
Er gab auf
Und ließ die Schriften an der Wand.
Nun kommt eine Belagerung auf uns
Bei so viel Rauch ist es schwer zu atmen
Nun, jemand ruft die Kavallerie an.
Es ist zu spät, wir ersticken.
Nun, es kommt ohne Unterstützung
Dieser Reiter hat keine Lügen erzählt
Aber wir haben uns alle für Kritik entschieden
Aber er machte keine Witze.
Es ist zu spät.
Sechs Uhr und alles ist gut heute Nacht
Ich sah einen Reiter - er war vom Kampf blutig.
Er las von Seiten
Als er versuchte uns alle zu warnen
Er gab auf
Und ließ die Schriften an der Wand
Schon in der ersten Strophe kommt der erste Blick in den Spiegel: „Aber ein Gehörloser sieht, was er sehen will, während er liest.“ Da erkenne ich mich leider wieder. Wie oft schon habe ich erlebt, dass mir jemand etwas erzählt oder ich einen Artikel lese und nur das wahrnehme, was ich auch verstehen will. Engstirnig und begrenzt bleibe ich in meiner eigenen kleinen Welt und kann nicht erkennen, was mir da kundgetan wird. Wer die Bibel unter den Vorzeichen von Scheitern und Erfolg liest, wird eine Erzählung nach der anderen finden, wo Menschen scheitern und neu anfangen dürfen. Die Geschichte von der Sintflut, den Plagen in Ägypten und vieles mehr.
Mir fällt u.a. da die Geschichte von Petrus ein. Ihm wird von Jesus gesagt, er wird Jesus dreimal verleugnen. Erst im Nachhinein erkennt er, was geschehen war: „Da gedachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er fing an zu weinen.“ (Mk 14,66–72). Die Anzeichen dafür sollten Petrus aufgefallen sein, er wusste um seine Angst vor den Römern und in Jesus weiß er einen glaubwürdigen Propheten. Dennoch hat er erst, als sein Verrat schon geschehen war, erkannt, was wirklich passiert ist.
Auch die Geschichte von Josef und seinen Brüdern zeugt von einer selektiven Wahrnehmung von Josef. Konnte er nicht erkennen, wie neidisch seine Brüder auf ihn waren, weil der Vater ihn immer bevorzugte. Oder musste er so sein, damit die Geschichte so gehen konnte, wie sie passiert ist? Ich denke, manchmal ist es tatsächlich auch ein Segen, nicht alles zu bemerken und nur seine eigene Sicht zu haben. Nämlich dann, wenn man nichts ändern kann, wenn, was kommt, unausweichlich kommen muss. In dem Lied geht es weiter, ein Soldat kommt und berichtet von nahendem Unheil. Er ist verletzt und die Kampfspuren sollten sichtbar sein. Die Warnung, dass eine Belagerung kommen wird, wird ignoriert. Vermutlich wird auch da gesagt worden sein: Doch nicht wir, warum gerade wir.
Bis es zu spät war und Hilfe nicht mehr geholt werden kann. Es ist zu spät. Der Soldat gibt auf und hinterlässt nur die Schrift an der Wand, wie es in der Übersetzung heißt. Das Lied heißt „Writings on the Wall“ und ist von eLi. Writing on the wall kann eigentlich nicht direkt mit „Schreiben an der Wand“ übersetzt werden, die Bedeutung ist eher „die Zeichen der Zeit erkennen“ oder „die Vorzeichen erkennen“. Veränderungen passieren meistens schleichend, immer wieder ein kleines Stück. Das kann ein Ziehen im Zahn sein, dass man so lange ignoriert, bis man es vor Schmerzen plötzlich nicht mehr aushält. Das eigene Kind, eben noch im Kindergarten, bringt „plötzlich“ einen Freund nach Hause. In der Partnerschaft lebt man sich auseinander, bis man sich plötzlich nichts mehr zu sagen hat.
Im großen, globalen Sinn werden dann Umbrüche im Volk nicht erkannt, die aktuelle Lage in Venezuela ist da ein gutes Beispiel. Die Regierung wird durch das Militär geschützt, das Volk will Neuwahlen. Von außen betrachtet eine Frage der Zeit, wann der ungeliebte Machthaber aufgeben muss, vermutlich wird er es sich aber anders denken. Da wünscht man sich sehnlichst: Maduro, verstehe doch die Zeichen der Zeit, bevor es noch mehr Tote geben wird.
Präsidenten leugnen die globale Erderwärmung, obwohl diese doch eindeutig nachweisbar ist. Warum? Vermutlich, weil sie es nicht sehen wollen, weil es gegen die eigenen Ziele ist, weil man sich dann mehr und anders anstrengen müsste. Auch hier möchte man rufen: Schau doch genau hin! Was wir brauchen, ist die Weitsicht, die Vorzeichen zu erkennen, den Flexibilität, die Veränderung anzunehmen, und den Mut, mit anderen Umständen umzugehen. Nicht nur bei Machthabern, das wünsche ich uns allen!
geschrieben von Kirsten Gutleben